Das persönliche Kennenlernen: Gespräch vor Ort, Hospitation und Probearbeiten

Ob nach Kurzbewerbung oder Videocall – irgendwann kommt der wichtigste Termin: das persönliche Kennenlernen in der Praxis. Hier entscheidet sich für beide Seiten, ob es passt. Das Gute daran: Sie sind nicht nur Bewerber:in, Sie sind auch Prüfer:in. So nutzen Sie den Termin optimal.

Vorbereitung: weniger Auswendiglernen, mehr Anschauen

  • Praxis-Website ansehen: Welche Fachbereiche, welche Standorte, wie groß ist das Team? Wer im Gespräch Bezug darauf nimmt („Ich habe gesehen, Sie behandeln viel pädiatrisch…"), zeigt echtes Interesse.
  • Anfahrt planen: Lieber 15 Minuten zu früh im Café um die Ecke als abgehetzt ankommen. Der Arbeitsweg ist übrigens selbst ein Prüfkriterium – Sie fahren ihn künftig täglich.
  • Mitbringen: Lebenslauf und Urkunden in einer einfachen Mappe (falls noch nicht digital übermittelt), dazu Ihre Fragen – gern handschriftlich notiert. Das wirkt vorbereitet, nicht gekünstelt.
  • Kleidung: ordentlich und praxistauglich – das, worin Sie auch behandeln würden. Niemand erwartet in einer Therapiepraxis ein Business-Outfit.

Im Gespräch: Es ist ein Dialog, kein Test

Gute Praxen wollen Sie kennenlernen, nicht prüfen. Erzählen Sie ehrlich, was Sie können und was Sie suchen – auch was Sie nicht wollen (z. B. enge Taktung ohne Pausen). Das erspart beiden Seiten eine Fehlentscheidung. Stellen Sie Ihre Fragen offen:

  1. Wie sieht ein typischer Arbeitstag hier aus – Takt, Pausen, Dokumentationszeit?
  2. Wer übernimmt Terminplanung, Abrechnung und Schriftverkehr?
  3. Wie läuft die Einarbeitung, wen kann ich fachlich fragen?
  4. Wie werden Fortbildungen gehandhabt – Kosten, Arbeitszeit, Auswahl?
  5. Warum ist die Stelle frei? (Eine ehrliche Antwort sagt viel über die Praxiskultur.)

Beim Thema Gehalt gilt: ansprechen ist erlaubt und üblich – spätestens im zweiten Gespräch sollte ein konkretes Angebot auf dem Tisch liegen, inklusive Urlaub, Fortbildungsbudget und Sonderleistungen.

Hospitation und Probearbeiten: die wichtigsten Stunden

Bestehen Sie wenn möglich auf einer Hospitation – ein halber Tag reicht oft. Seriöse Praxen bieten sie von selbst an. Darauf sollten Sie achten:

  • Der Umgang im Team: Wird gelacht? Wird übereinander oder miteinander geredet? Wie spricht die Leitung mit den Kolleg:innen?
  • Der reale Takt: Stimmen die Aussagen aus dem Gespräch mit dem überein, was Sie sehen? Haben die Therapeut:innen Zeit für Doku und Pausen?
  • Räume und Ausstattung: Eigener Therapieraum? Material in gutem Zustand? Das sind keine Äußerlichkeiten, sondern Ihre täglichen Arbeitsbedingungen.
  • Patient:innenmix: Passen Störungsbilder und Altersgruppen zu Ihren Interessen und Schwerpunkten?

Wichtig zu wissen: Bei einem unbezahlten „Probearbeiten" dürfen Sie zuschauen und punktuell mitwirken, aber nicht regulär als Arbeitskraft eingesetzt werden und eigenständig den Praxisbetrieb stemmen. Ein halber bis ganzer Tag Hospitation ist üblich und fair – mehrtägiges unbezahltes Arbeiten ist es nicht.

Warnsignale, die Sie ernst nehmen sollten

  • Es gibt keine Zeit für Ihre Fragen, oder Antworten bleiben vage.
  • Eine Hospitation wird abgelehnt („Das brauchen wir nicht").
  • Druck zur sofortigen Zusage („Das Angebot gilt nur heute").
  • Im Team herrscht spürbar schlechte Stimmung, hohe Fluktuation wird beiläufig erwähnt.

Keines dieser Signale muss allein ein Ausschlusskriterium sein – mehrere zusammen schon.

Nach dem Termin

Lassen Sie den Eindruck einen Tag sacken und hören Sie auf Ihr Bauchgefühl – es hat meistens recht. Bedanken Sie sich kurz per E-Mail, nennen Sie Ihre Entscheidung oder einen ehrlichen Zeitrahmen dafür. Und wenn es nicht passt: freundlich absagen und weitersuchen. Der Markt arbeitet für Sie – die nächste passende Stelle ist nur eine 3-Minuten-Bewerbung entfernt.